Buchtipps
ALI KHAMEINEI, Aufstieg und Herrschaft
von Ali Sadrzadeh
Ali Khamenei war seit 36 Jahren das Oberhaupt der Islamischen Republik. Er beerbte im Juni 1989 Ayatollah Ruhollah Chomeini, der zehn Jahre zuvor die islamische Republik gründete. Seither hatte Khamenei in allen Konflikten des Nahen Ostens seine Hände im Spiel.
Auch wenn seine Gewaltherrschaft ein unerwartetes Ende gefunden hat, so lohnt es sich gerade für uns, die wir nicht so vertraut mit Religion, Kultur und Politik des Nahen Ostens sind, das Buch von Ali Sadrzadeh zu lesen.
Ali Sadrzadeh ist ein ehemaliger ARD-Journalist, dem es gelungen ist, einen gut lesbaren Mix aus Biographie, Geschichte Irans im 20. Jahrhundert und den selbst gemachten Erfahrungen zu schreiben.
Er „weiht“ uns in die islamisch-schiitische Welt ein. So erläutert er zum Beispiel den Begriff Taghiyeh, der Verstellung bedeutet. Konkret heißt das, dass man lügen soll, wenn es dem Islam dient.
Aus dem einst als für das Amt ungeeignet betrachteten Khamenei war längst ein Autokrat geworden, der die islamische Republik auf sich und seinen Apparat, vor allem die Revolutionsgarden, zuschnitt.
Interessant zu lesen ist, dass der Oberste Führer Irans in seiner Jugend zwischen zwei Welten, der Welt der Poesie und der Welt der Klerikalen, pendelte. Beiden blieb er fremd. Den Klerikalen wegen seines Interesses an Poesie und den Dichtern wegen seiner Frömmigkeit.
Die Schilderung der islamischen Republik von den achtziger Jahren bis heute, man denke an den von Muslimen geschürten Hass auf Salman Rushdie und seine „satanischen Verse“ bis hin zur Rolle im Nahen Osten, ist ein wahrer Fundus an neuen Erkenntnissen.
Dazu gehören auch die Hinweise, dass es dem greisen Khamenei allein um das Überleben seiner islamischen Republik ging und er sich nachgerade dem Herrscher im Kreml, Wladimir Putin, anbiederte…
Das erwachsene Land – Deutschland ohne Amerika
von Holger Stark
Vor der Lektüre dieses klugen, profunden, klaren und analytischen Buches lohnt es sich, an Konrad Adenauer zu erinnern. Am 3. April 1950 hat auf einer CSU-Veranstaltung in München der erste Bundeskanzler weise vorausgesagt: „Es wird eines Tages der Augenblick kommen und kommen müssen, in dem dieses Europa wieder sich selbst helfen kann und auf eigenen Füßen stehen muss.“
Diese Prophezeiung ist 76 Jahre später von dramatischer Aktualität.
Holger Stark berichtet seit 30 Jahren über die USA und ist stellvertretender Chefradakteur „Der Zeit“ und zuständig für die investigative Recherche.
Er kann aus seinem großen Fundus vieler Begegnungen mit Politikern und Diplomaten schöpfen. Von Olaf Scholz, Ursula von der Leyen, Heiko Maas, Sigmar Gabriel, Wolfgang Irschinger bis J. D. Vance.
Er beschreibt rational, dass die Welt Gefahr läuft, in Einflusszonen von Autokraten und Großmächten aufgeteilt zu werden. So weist er darauf hin, dass die Generation der Freunde Europas in den USA aussterbe und ein allmächtiger, irrlichternder Trump nicht berechenbar ist.
Stark skizziert auch den langen Weg der Entfremdung zwischen Deutschland und den USA, die mit den Terroranschlägen des 11. September begonnen habe. Die Folge, so Stark, sei der epochale Kulturkampf, der momentan in den USA wüte.
So beschreibt er MAGA als eine Revolte von unten und oben zugleich, wobei Trump der Anführer dieser Konterrevolution sei und sein Hofstaat, bestehend unter anderem aus J. D. Vance und den Diplomaten um Marco Rubio ihm bedingungslos folge.
Diese Konterrevolution werde von Trump nach Europa getragen. Damit verändere MAGA die Regeln im Umgang mit anderen Nationen.
Eindrucksvoll sind drei entwickelten Szenarien auf diesen Epochenbruch.
So sei eine Ablösung Europas von Amerika mit der Folge, dass die USA sich zurückziehen, Europa aufrüstet und seine konventionelle Verteidigung alleine verantwortet, eine Möglichkeit.
Die zweite Variante ist für Holger Stark der Abzug eines Großteils der Truppen der USA aus Europa mit gleichzeitigem Desinteresse an der Ukraine und Europa. Ein „Decoupling“ mit harter Landung, das Deutschland und Europa zwinge, schnell und entschlossen zu handeln, in der Hoffnung, dass Russland nicht weiter nach Westen vordringe.
Für den Autor ist ein aggressiver Revolutionsexport von den USA nach Deutschland, mit dem Versuch unsere Gesellschaft „zum Kippen zu bringen“ und artverwandte Parteien (wie die AfD) an die Macht zu bringen, das gefährlichste Szenario.
Fazit: Es liegt allein an der Entschlossenheit der Europäer, sich endlich als Einheit zu behaupten. Gleichzeitig hänge es davon ab, wie die desaströse innenpolitische Lage der USA sich weiterentwickle.
In einem neuen Land. Eine deutsche Reportage.
von August Modersohn
Der Journalist August Modersohn, der in Leipzig für die Wochenzeitung „Die Zeit“ schreibt, will wissen, wo Deutschland 35 Jahre nach der Wiedervereinigung von 1990 steht. Das gelingt ihm in leichter, manchmal humorvoller Weise mit seiner Vermessung unseres Landes.
Augst Modersohn geht mit bewährtem Journalistenblick nah an die Menschen, Landschaften und Begebenheiten. Vom fränkischen Coburg, über Sonneberg in Thüringen, Prora im Nordosten oder Pforzheim im Südwesten.
Gerad Pforzheim ist für den Autor eine Stadt mit „erzgebirgisch hohem AfD-Stimmenanteil“ und gleichzeitig 60-prozentigen Migrationsanteil.
Oder Prora, einst Ferienkoloss der Nazis, wo heute die Gäste zwischen bewusstem Vergessen und „leiser Bewunderung“ schwanken.
In Sonneberg findet am 3. Oktober immer der Fackelzug der Jungen Union statt, der an den Fall der Grenze erinnert und ein Kerzenspaziergang mit Andacht und keineswegs ein nationalistisches Event ist.
„Es wird nie mehr so sein, wie es einmal war“ ist das Fazit Modersohns, das Mut auf die Zukunft macht. Es liegt an uns, was wird …
Deshalb erlaube ich mir an ein Zitat von Albert Camus zu erinnern:
„Jede Generation glaubt zweifellos, berufen zu sein, die Welt neu zu gestalten.
Die meine weiß jedoch, dass sie es nicht tun wird.
Aber ihre Aufgabe ist vielleicht noch größer: Sie besteht darin, zu verhindern, dass die Welt zerfällt.“